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Was bei einem Ölembargo passieren könnte

Die Rufe nach einem Boykott russischer Öllieferungen werden lauter. Wir analysieren, wie stark das den Ölpreis nach oben katapultieren könnte. In einem solchen Szenario wäre eine Rezession wohl unvermeidlich, zumal Russland auf einen Ölboykott mit einem Stopp seiner Erdgaslieferungen reagieren könnte.

Frühere Wertentwicklungen, Prognosen und Simulationen sind kein Indikator für die künftige Wertentwicklung.

Druck zu Ölboykott steigt
Westliche Länder haben auf den Angriffskrieg Russlands mit scharfen Sanktionen reagiert. Trotz der damit verbundenen wirtschaftlichen Schäden haben diese bislang nicht zu einer Änderung der russischen Politik geführt. Damit rückt ein Boykott von Öleinfuhren aus Russland in den Mittelpunkt. Dies, so die Argumentation, würde Russland noch härter treffen, ist doch der Ölexport seine mit Abstand wichtigste Einnahmequelle für Devisen.

Gestern fand ein Gipfeltreffen der EU und NATO-Staaten statt. Dort konnte man sich noch nicht auf ein Embargo einigen. Dieses ist aber nicht vom Tisch. Insbesondere bei einer weiteren Verschärfung der Lage in der Ukraine dürften Forderungen nach einem Stopp von Öleinfuhren wieder zunehmen. Was würde geschehen, wenn die EU doch ein solches Embargo verhängt?

Ein Ausfall des russischen Angebots kann nur kompensiert werden,…
Die russische Rohölförderung belief sich zuletzt auf etwa 10 Mio Barrel pro Tag (mb/d), was etwa einem Achtel der globalen Rohölproduktion entspricht. Russland exportiert täglich knapp 5 Mio Barrel Rohöl, was dann zu einem großen Teil ersetzt werden müsste. Ist dies in absehbarer Zeit überhaupt möglich?

Mittelfristig, also auf Sicht von etwa einem Jahr, würde der Ölmarkt damit wohl zurechtkommen. Zum einen verspricht die steigende US-Förderung eine gewisse Linderung; so geht die US-Energiebehörde bis Jahresende von einer Produktionssteigerung um 1 mb/d aus. Zum anderen würde eine Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran und Venezuela helfen. Ersterer könnte ca. 1,5 mb/d zusätzlich an den Markt bringen, und Venezuela bis zu 1 mb/d anbieten. Und schließlich dürften China oder Indien russisches Öl, das im Westen nicht mehr angenommen wird, mit Preisabschlägen kaufen und dafür auf Lieferungen aus dem Rest der Welt verzichten.

Für eine kurzfristige Entlastung kommt es allerdings entscheidend auf die aktuell freien Förderkapazitäten außerhalb Russlands an. Zwar bezifferte die Internationale Energieagentur IEA die unverzüglich aktivierbaren Kapazitätsreserven auf 2,1 mb/d; binnen 90 Tagen könnten sogar 4,9 mb/d mobilisiert werden. Allerdings entfällt hiervon das meiste auf Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, die einer Erhöhung der Förderung bisher eine Absage erteilt haben. Zudem ist eine rasche Umleitung russischer Exporte etwa nach China schwierig, da die Pipelines zwischen Russland und China bereits weitgehend ausgelastet sind. Für einen Transport mit Tankern fehlen Kapazitäten, zudem meiden viele Reedereien aufgrund bestehender oder drohender Sanktionen Transportaufträge aus Russland.

… wenn alles optimal läuft
Wenn alle möglichen Register auf der Angebotsseite gezogen werden und vor allem Saudi-Arabien und die Emirate doch ihre Förderung deutlich erhöhen, könnte der Ausfall russischer Lieferungen nach einer gewissen Zeit zum großen Teil ersetzt werden. Selbst im günstigsten Fall ist es aber fraglich, ob der Ersatz russischer Lieferungen nahtlos funktioniert. Wahrscheinlicher ist zumindest eine zeitweise Reduzierung des globalen Ölangebots, ehe die Umstrukturierung des Ölangebots gelingt. Ein vorübergehender starker Preisanstieg wäre dann wohl unvermeidlich. Dieser könnte durch die Freigabe von strategischen Reserven zwar etwas gedämpft werden. Viel sollte man sich davon aber nicht versprechen. Schließlich hat die Biden-Administration bereits einen Teil ihrer Reserve freigegeben, ohne dass dies die Märkte nachhaltig beeindruckt hätte.

… und wenn nicht, zeigt die Ölkrise von 1973 die Richtung
Für einen plötzlichen Ausfall beträchtlicher Teile des globalen Ölangebots gibt es einige Beispiele, besonders die Ölkrise von 1973. Nach dem Jom-Kippur-Krieg verhängten die arabischen OPEC-Mitglieder im Oktober 1973 ein teilweises Ölembargo. In den folgenden sechs Monaten fiel das globale Angebot an Öl durchschnittlich um etwa 4% (Chart 1). Ein Rückgang in dieser Größenordnung wäre im Fall eines westlichen Ölembargos für 2022 zumindest vorstellbar. Im Jahr 1973 stieg der Ölpreis von durchschnittlich 3,29 $/Barrel auf 11,59 $/Barrel im Jahr 1974, eine Steigerung um 250%. Dies trieb die in vielen Ländern ohnehin schon hohe Inflation in den zweistelligen Bereich. Die Wirtschaften der westlichen Länder rutschten in eine Rezession.

Frühere Wertentwicklungen, Prognosen und Simulationen sind kein Indikator für die künftige Wertentwicklung.

Und dann dreht Russland auch das Gas ab, …
Eine Beschränkung der Analyse auf den Ölmarkt läuft allerdings Gefahr, die Rechnung ohne den Wirt zu machen. Denn jede Aktion sollte auch die Reaktion der Gegenseite einkalkulieren. Ein Boykott russischer Öllieferungen würde von Russland vermutlich als wirtschaftliche Eskalation aufgefasst werden. Das wirksamste Gegenmittel, das Russland dann zum Einsatz bringen könnte, wäre ein Stopp von Erdgaslieferungen nach Europa. Schließlich verdient Russland mit Ölexporten etwa viermal soviel wie mit Gaslieferungen. Dagegen bezieht die EU etwa 45% ihrer Erdgasimporte aus Russland, Deutschland sogar etwas mehr als die Hälfte. Der Kreml könnte daher die Rechnung aufmachen, dass man zu vertretbaren Kosten für sich selbst den EU-Staaten erhebliche wirtschaftliche Schmerzen bereiten könnte. Die von Präsident Putin unlängst verkündete Forderung, die Zahlungen für Energielieferungen demnächst in Rubel vorzunehmen – was die Abnehmer bislang ablehnen – hat das Risiko einer Unterbrechung der Gaslieferungen bereits erhöht.

… was Deutschland massiv treffen würde,…
Ein Ersatz russischer Erdgaslieferungen aus anderer Quelle (etwa via den Import von Flüssiggas) ist kurzfristig allenfalls teilweise möglich. Eine völlige Unterbrechung russischer Lieferungen hätte damit beträchtliche Folgen für die deutsche Wirtschaft. Rationierungen wären wahrscheinlich, da trotz aller Bemühungen um anderweitige Lieferungen das gewohnte Angebot vorerst nicht sichergestellt werden kann. Die Frage ist, wo rationiert werden soll. Der wichtigste Abnehmer ist die Industrie, die für 36% des Erdgasverbrauchs steht (neben der Strom- und Wärmeerzeugung ist Erdgas ein wichtiger Grundstoff für die chemische Industrie), gefolgt von den privaten Haushalten und der Stromerzeugung (Chart 2).

Gemäß dem “Notfallplan Gas” für Deutschland zählen Haushalte und die Fernwärmeversorgung zu den besonders geschützten Kundengruppen, deren Versorgung in jedem Fall sicherzustellen ist. Ferner ist es fraglich, ob nennenswerte Teile der erdgasbasierten Stromerzeugung, die letztes Jahr immerhin 15,2% der Stroms lieferte, rasch auf andere Energieträger umgestellt werden können. Dies gilt umso mehr, als zum Jahresende die restlichen Kernkraftwerke abgeschaltet werden sollen (diese standen 2021 für 8,2% der Stromerzeugung). Schließlich produzierten Steinkohlekraftwerke weitere 9,3% des Stroms – und Russland liefert über die Hälfte der deutschen Steinkohleimporte. Es bliebe in diesem Szenario wohl nichts anderes übrig, als die Erdgaslieferungen für die Industrie drastisch zu rationieren.

Frühere Wertentwicklungen, Prognosen und Simulationen sind kein Indikator für die künftige Wertentwicklung.

… bestimmte Industrien besonders hart
Die Industrie würde durch massiv steigende Ölpreise und etwaige Rationierungen ihrer Erdgaslieferungen einen Doppelschlag versetzt bekommen. Naturgemäß würde das die energieintensiven Branchen besonders treffen. In erster Linie werden Rohöl und Erdgas für die Mineralölverarbeitung verwendet. Daneben werden Gas und/oder Öl besonders intensiv in der Energieerzeugung und in der Transportbranche genutzt. Da diese Bereiche viele Vorprodukte herstellen oder unabdingbare Logistikdienstleistungen anbieten, die von nahezu allen Wirtschaftsbereichen genutzt werden, ist mit erheblichen Zweitrundeneffekten zu rechnen. Diese mit eingerechnet, beträgt der Anteil von Öl und Gas in der Mineralölerzeugung knapp 60% des Produktionswerts (siehe Titelchart). Darüber hinaus sind diese beiden Rohstoffe besonders relevant für die Luftfahrt (12% des Produktionswerts) sowie die Energieerzeugung (10% des Produktionswerts). Weitere spürbar betroffene Wirtschaftszweige sind die Schifffahrt, die Chemie– sowie Metallbranche und die Landwirtschaft.

Energieboykott = Rezession
Wie dargestellt würde bereits ein Ausfall einiger Prozente des globalen Ölangebots erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. Die dann mögliche Unterbrechung der Erdgaslieferungen würde das Problem deutlich verschärfen, zumal die Ausweichmöglichkeiten hier begrenzter wären und Rationierungen drohen. Der Boykott russischer Energielieferungen wäre somit wohl gleichbedeutend mit einem Lockdown weiter Teile der deutschen Wirtschaft. Dies dürfte in eine über mehrere Quartale anhaltende Rezession münden.

Wie reagiert die Politik?
Gestern hatte die Bundesregierung bereits erste Maßnahmen beschlossen. So sollen die Steuern auf Benzin und Diesel vorübergehend gesenkt, verbilligteNahverkehrsfahrkarten angeboten und Einkommenszuschüsse gezahlt werden. Bei einem Konjunktureinbruch infolge eines Energie-Embargos würde der Staat wohl noch viel tiefer in die Tasche greifen. Wie während der Pandemie würde dies die dann unvermeidliche Rezession abfedern, aber nicht verhindern. Eine durch einen eskalierenden “Energiekonflikt” ausgelöste Wirtschaftskrise wäre natürlich keineswegs auf Deutschland beschränkt, sondern würde die anderen Mitglieder der EWU ebenfalls treffen. Rezession und noch höhere Inflation wären die Konsequenz.

In dieser Situation würde die EZB ihre Zinserhöhung wohl verschieben; den entsprechenden Spielraum hat sie sich ohnehin eingeräumt. Kurzfristig wären sogar zusätzliche Maßnahmen denkbar, insbesondere dann, wenn es auf dem Finanzmarkt zu Erschütterungen käme. Ein Beispiel hierfür wären stark auseinanderlaufende Renditedifferenzen bei den Staatsanleihen der EWU-Mitglieder. Die weitere Entwicklung würde die EZB zunächst abwarten. Sollten sich vermehrt Zweitrundeneffekte bei der Inflation zeigen, würden aber wohl auch die Tauben im EZB-Rat für ein Gegensteuern und eine geldpolitische Straffung plädieren.

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