Währung

GBP-Schwäche

GBP: Im Urlaub habe ich „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark gelesen, eine Darstellung der politischen Prozesse, die Anfang des vorigen Jahrhunderts zum ersten Weltkrieg führten. So umstritten das Buch (m.E. zu Recht) ist, eines macht es deutlich: Das Ergebnis von Politik kann sein, dass die Beteiligten „in eine Situation hereinschlittern“, die keiner mag, dass aber politischer Wille und Fähigkeit fehlen, die nötig wären, um einen konstruktiven Ausweg zu finden. In Großbritannien geht es gottseidank nicht um Krieg oder Frieden, sondern nur um den Austritt aus der Europäischen Union. Dennoch, die Lehre (nicht nur aus diesem Teil) der europäischen Geschichte muss sein, dass Verhandlungsprozesse scheitern können. Ist Politik heute vernünftiger und effizienter als 1914? Man könnte das hoffen, doch ist die Situation besonders komplex: Die EU-Seite muss ihre konstitutiven Prinzipien verteidigen, unterschiedliche Interessen der Mitgliedsstaaten unter einen Hut bringen und ist daran interessiert, Zentrifugalkräfte zu minimieren, die ihren Bestand bedrohen; in UK fechten die Parteien vorrangig parteipolitische Grabenkämpfe aus, verkompliziert durch den tiefen Riss innerhalb der Tory-Fraktion. Und schaut man sich den atemberaubenden Dilettantismus des Brexit-Ministeriums an (erinnern Sie sich noch an deren absurde Sektor-Analysen? „Die Fischereiindustrie ist vor allem in Küstenregionen beheimatet“…), so wird klar, dass die britische Politik auf extrem dünner Datengrundlage agieren muss. All das sind Faktoren, die das Verunfallungsrisiko erhöhen.

Die Experten in unserem Hause sind weiterhin davon überzeugt, dass eine konstruktive Lösung am wahrscheinlichsten ist. Doch nützen einem Marktteilnehmer mit GBP-Exposure Wahrscheinlichkeitsaussagen herzlich wenig. Alle Ergebnisse sind so hinreichend wahrscheinlich, dass man gewappnet sein muss. Ich kann nachvollziehen, dass spekulative Marktteilnehmer – deren Portfolios breit diversifiziert sind, und die daher mit Wahrscheinlichkeitsaussagen arbeiten können – lange Gewehr bei Fuß standen, um auf eine GBP-Erholung zu setzen, die bei einem konstruktiven Ergebnis zu erwarten ist. Doch sollte das den Markt nicht davon abhalten, sich ändernde Wahrscheinlichkeiten für „no deal“ proportional in den GBP-Kursen zu reflektieren. Das geschieht oft nicht, sondern passiert hin und wieder, dann aber ruckartig – wie gestern, als das Pfund nachgab. Ist damit das „no-deal“-Risiko angemessen in den GBP-Kursen heute Morgen reflektiert? Meines Erachtens kaum. Selbst die Asymmetrie der Risiken ist mit 3M 25Δ Risk Reversals mit 1,50 Prozentpunkten (bei 3M ATM Vol um 10,1%) nur extrem sparsam eingepreist – verglichen mit der Marktreaktion nach dem Brexit-Referendum 2016.

Natürlich, auch ich glaube, dass auch bei „no deal“ kein Versorgungsmangel droht und dass Briten auch weiterhin nach Spanien in den Urlaub fliegen können. Wer auf Horror-Szenarien setzt, dürfte auf die Nase fallen. Aber zwischen einer potenziellen Nachricht, dass es zum „no deal“ käme und der Erkenntnis, dass Großbritannien auch dann nicht im Meer versinkt, dürften Tage, wenn nicht Wochen liegen. Die in solch einem Szenario für diesen Zeitraum zu erwartende GBP-Schwäche sehe ich nicht hinreichend eingepreist.

Produktidee: Faktor-Zertifikate

WKN Typ Basiswert Merkmale
CV0V44 Long EUR/GBP Faktor: 5
CV0V49 Short EUR/GBP Faktor: -5

AUD: Während die RBA gestern in ihrem Statement noch überraschend ausgeglichen klang (wir berichteten), klingt RBA-Gouverneur Philip Lowe heute (in einer Rede vor dem Nationalen Presseclub) ganz anders. Jetzt hört sich’s eher so an, als ob die RBA die Idee von Zinserhöhungen begraben hat. Nun, die konjunkturellen Risiken in „down under“ sind schon länger deutlich. Australien hängt als „kleine“ offene Volkswirtschaft besonders an der konjunkturellen Situation in Ostasien. Dort sind die konjunkturellen Warnlampen aber bereits viel früher angesprungen als in Amerika. Daher ist es kein Zeichen besonderer Falkenhaftigkeit, dass die RBA (mehr oder weniger zeitgleich mit der Fed) von „vielleicht bald restriktiv“ auf „neutral“ schaltet. Ich halte diesen Schritt für geringer als die geldpolitische Kehrtwende der Fed. Daher gilt: Es ist zwar richtig und logisch, dass der Markt auf die Lowe-Rede mit AUD-Schwäche reagiert. Für ein massives Abstrafen der australischen Währung gibt es aber keinen Anlass.

Produktidee: Faktor-Zertifikate

WKN Typ Basiswert Merkmale
CE9LVD Long EUR/AUD Faktor: 5
CE9LVE Short EUR/AUD Faktor: -5

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