Top Charts

Covid – Was ist die richtige Strategie?

Trotz des Lockdowns sinken die Infektionszahlen nur allmählich. Daher wird von verschiedenen Seiten eine neue Strategie zur Bekämpfung der Pandemie gefordert. Wir geben einen Überblick über die VorschIäge, beurteilen ihre Umsetzungschancen und was dies für unsere Konjunkturprognose bedeutet.

Frühere Wertentwicklungen, Prognosen und Simulationen sind kein Indikator für die künftige Wertentwicklung.

Angesichts nur allmählich sinkender Infektionszahlen werden von verschiedenen Seiten neue Ansätze zur Bekämpfung der Corona-Pandemie ins Gespräch gebracht. Die extremste Position – “Zero Covid” – beinhaltet eine faktische Stilllegung von Wirtschaft und Gesellschaft, um so das Virus auszurotten. Am anderen Ende der Skala steht der Ansatz, mit dem Virus dauerhaft zu leben und vor allem die Schwächsten zu schützen. Wir geben einen Überblick über diese Vorschläge, beurteilen ihre Umsetzungschancen und was dies für unsere Konjunkturprognose bedeutet.

Zufriedenheit mit dem Krisenmanagement sinkt

Genau heute vor drei Monaten hat die Politik beschlossen, Kneipen, Clubs, Diskotheken, Theater, Konzerthäuser und Kinos zu schließen. Darüber hinaus wurde damit begonnen, die sozialen Kontakte massiv einzuschränken. Inzwischen werden diese harten Maßnahmen laut ARD-DeutschlandTrend von fast jedem zweiten als stark oder sehr stark belastend empfunden. In der Woche vor Weihnachten lag deren Anteil nur bei 36% (Titelgrafik).

Mit dem Krisenmanagement von Bund und Ländern sind nur noch weniger als die Hälfte der Befragten zufrieden. Hierzu dürfte vor allem der zögerliche Rückgang der Zahl der gemeldeten Neuinfektionen beigetragen haben, der immer wieder eine Verlängerung und Verschärfung der Maßnahmen zur Folge hatte. Das Ziel der Bundesregierung, vor einer Lockerung der Corona-Beschränkungen die 7-Tage Inzidenz auf 50 je 100.000 Einwohner zu senken, liegt noch in weiter Ferne (Grafik 1). Zudem sorgt der im Vergleich zu anderen Ländern langsame Start der Impfungen für Unmut. Bislang wurden in Deutschland gerade einmal etwas mehr als 2% der Bevölkerung geimpft. Dass es deutlich schneller gehen kann, zeigt ein Blick nach Großbritannien, wo inzwischen über 10% der Bevölkerung geimpft sind.

Frühere Wertentwicklungen, Prognosen und Simulationen sind kein Indikator für die künftige Wertentwicklung.

“Zero Covid”

Wegen dieser Probleme wird von verschiedenen Seiten eine neue Strategie zur Bekämpfung der Pandemie gefordert. In den sozialen Medien und der Presse hat ein ursprünglich von Krankenpflegern und Ärzten initiierter Aufruf zu einer Radikallösung des Covid-Problems beträchtliche Aufmerksamkeit gefunden. “Zero Covid” geht davon aus, dass die bisherigen Versuche der Pandemiebekämpfung gescheitert sind und auch weiter scheitern werden, da sie keine Aussicht bieten, das Virus auszurotten. Das Ziel müsse daher sein, die Ansteckungen auf null zu reduzieren. Dazu müssten in einer europaweit koordinierten Aktion alle sozialen Kontakte auf ein Minimum reduziert werden. Im Zuge einer “solidarischen Pause” müssten “die gesellschaftlich nicht dringend erforderlichen Bereiche der Wirtschaft” für einige Wochen stillgelegt und die “Arbeitspflicht” ausgesetzt werden. Dies erfordere eine finanzielle Absicherung der Betroffenen, die durch eine “Solidarabgabe” auf den in Europa angehäuften Reichtum “problemlos finanzierbar” sei. Impfstoffe schließlich seien ein “globales Gemeingut”, was wohl heißen soll, den Patentschutz für diese Mittel aufzuheben.

Offensichtlich wäre ein solches Programm ein Desaster für die Unternehmen und ihre Beschäftigten. Die Umsetzungschancen sind daher sehr gering.

“No Covid”

Die Infektionszahlen auf (nahe) null drücken will auch eine Gruppe von Wissenschaftlern, ohne dabei allerdings Änderungen an der Gesellschaft oder dem Wirtschaftssystem vornehmen zu wollen. Auch diese Gruppe sieht die aktuell verfolgte Politik als gescheitert an und will “weg von reaktiver Schadensminimierung hin zu einer proaktiven Kontrolle der Pandemie”. Ohne eine Reduzierung der Ansteckungen auf null (“No Covid”) sei ein Schutz der Risikogruppen nicht umsetzbar, und anders könne man aus dem Kreislauf der Stop-and-Go-Politik nicht ausbrechen.

Kernpunkt der “No Covid”-Strategie ist das Modell “Grüner Zonen”. Danach würde in einer Region ein Lockdown verhängt, bis die Inzidenz (Ansteckungen auf 100.000 Einwohner pro Woche) unter 10 fällt. In dieser dann Grünen Zone soll die Inzidenz dann weiter auf null gesenkt und im Gegenzug die Lockdown-Maßnahmen nach und nach aufgehoben werden. Bei Bedarf sollen rasch lokale Gegenmaßnahmen verhängt werden, um ein Wiederaufflammen der Ansteckungen zu unterbinden. Außerhalb der Grünen Zonen sollen strikte Kontakt- und Mobilitätsbeschränkungen sowie strikte Quarantäne-Regeln gelten. Begleitet werden soll dies durch eine “effizient durchgeführte Teststrategie und Impfkampagne”.

Dieses Modell lehnt sich an die Erfahrungen in Australien an (Grafik 2). Konkret hat man die in Melbourne (einer Stadt mit über 4 Millionen Einwohnern) gemachten Erfahrungen im Blick, wo es mit einer derartigen Strategie gelungen sei, die Pandemie in überschaubarer Zeit zu bekämpfen. Ein zentraler Erfolgsfaktor war dort ein klarer Fahrplan für die Wiederöffnung, was die Akzeptanz der Politik erhöht hat.

Frühere Wertentwicklungen, Prognosen und Simulationen sind kein Indikator für die künftige Wertentwicklung.

Die Autoren der Strategie verweisen selbst darauf, dass die Frage, wie sich das Prinzip der Freizügigkeit im Schengen-Raum mit der No-Covid-Strategie verträgt, so entscheidend wie schwierig sei. Zudem setzt ein Erfolg des Grüne-Zonen-Modells offensichtlich auch eine möglicherweise weitgehende Einschränkung des innerdeutschen Reiseverkehrs (auch des beruflich bedingten) voraus – und dies nicht nur zwischen den Bundesländern, sondern deutlich kleinteiliger, also zwischen den verschiedenen Zonen. Die “Zonengrenzen” müssten zudem kontrolliert werden und dort Testzentren bzw. Quarantänestationen eingerichtet werden.

Anpassen an das Virus

Auch vor dem Hintergrund solcher Probleme basieren andere Vorschläge auf der Annahme, dass das Corona-Virus nicht ausgerottet werden kann und damit – ähnlich wie das Grippevirus – ein dauerhafter Gast in der Gesellschaft sein wird. Folglich müssten wir lernen, mit dem Virus leben. Dazu sind langfristige Strategien zu entwickeln, die über das fallweise Reagieren mittels temporärer Lockdowns hinausgehen.

Im Mittelpunkt solcher Strategien, wie sie etwa von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in einem Positionspapier vorgeschlagen wird, steht der Schutz gefährdeter Bevölkerungsgruppen (hier setzen sich diese Modelle in klaren Gegensatz zu “No Covid”, die solches nicht für möglich hält). Die Ressourcen müssten hier konzentriert werden, beispielsweise durch vorrangiges Testen/Impfen von Pflegepersonal, besondere Hygienestandards und die Priorisierung von Kontaktnachverfolgung bei diesen Bevölkerungskreisen.

Ein weiterer Baustein solcher Modelle ist die Förderung von Hygienekonzepten anstelle von Ausgangssperren. Schließlich sei es besser, wenn sich die Menschen in öffentlichen Räumen treffen, die mit ausgereiften Konzepten sicherer gemacht wurden, als in Privaträumen, wo derartige Standards nicht sicherzustellen seien.

Wie auch “No Covid” setzen diese Anpassungsstrategien auf größtmögliche Transparenz der Maßnahmen, um deren Akzeptanz in der Bevölkerung sicherzustellen.

Wahrscheinlich ein weiter so, …

Die Politik versucht, auf die erkannten Defizite der Corona-Strategie einzugehen. Insbesondere wurden die Bemühungen verstärkt, die besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen besser zu schützen, beispielsweise durch die vorrangige Impfung von Hochbetagten und von Mitarbeitern im Gesundheitswesen. Zudem hat man die Beispiele regionaler erfolgreicher Modelle, etwa in Rostock oder in Tübingen, wo man dem Schutz der vulnerablen Gruppen bereits frühzeitig Priorität eingeräumt hatte. Schließlich hat Schleswig-Holstein jetzt einen Fahrplan zum Ausstieg aus den Lockdown-Maßnahmen vorgelegt, der an Schwellenwerte bei den Inzidenzzahlen gekoppelt ist. Dies ist ein klarer Fortschritt bei der Transparenz des Vorgehens und geht damit auf eine wichtige Forderung der oben erläuterten Strategien ein.

In Teilbereichen ist sicherlich eine Nachschärfung möglich. Schon länger diskutiert werden weitergehende Einschränkungen bei Flugreisen oder verstärkte Kontrollen an den Landesgrenzen. Insgesamt setzt die Politik aber weiter auf Zeitgewinn und auf den Erfolg der Impfkampagne. Immerhin zeigt der Infektionstrend in die richtige Richtung, und im Zuge der steigenden Temperaturen im Frühjahr ist wie im letzten Jahr ohnehin mit einer saisonalen Entlastung zu rechen. Der Druck zu einer grundlegenden Strategieänderung und dem Rückgriff auf radikale Maßnahmen wird somit nachlassen. Zudem ist 2021 ein wichtiges Wahljahr, in dem die Politik die Grenzen des dem Wähler zumutbaren stärker im Blick hat. Sinnvoller als ein Strategiewechsel erscheint ohnehin, die vielen erkannten administrativen Defizite bei der Umsetzung der bestehenden Strategie zu beheben.

… und Hoffen auf das Frühjahr und die Impfungen

Das zu erwartende “Weiter So” entspricht im Großen und Ganzen den Annahmen, die unserer Wachstumsprognose für Deutschland zugrunde liegen. Wir gehen davon aus, dass die Zahlen der Neuinfektionen, der Intensivpatienten sowie der Todesfälle in den kommenden Wochen weiter fallen werden. Hierfür spricht die zunehmende Impfung des ältesten und damit am stärksten gefährdeten Teils der Bevölkerung sowie spätestens ab März auch eine mildere Witterung. Dies dürfte spätestens zu Ostern eine merkliche Lockerung der aktuellen Einschränkungen möglich machen. Zusammen mit den weiter fortschreitenden Impfungen wird dies das Umfeld für die Wirtschaft mehr und mehr normalisieren und somit ähnlich wie im vergangenen Jahr eine kräftige wirtschaftliche Erholung auslösen. Daher erwarten wir weiterhin ein Wirtschaftswachstum von 4,5% für 2021.

Entscheidend für das Eintreten dieser derzeit spürbar über dem Konsens liegenden Prognose ist dabei nicht, ob der aktuelle Lockdown bereits Anfang März oder erst zu Ostern gelockert wird. Denn für das erste Quartal haben wir mit einem Rückgang des realen Bruttoinlandsproduktes von knapp 2% bereits eine vergleichsweise schwache Entwicklung unterstellt. Das Risiko liegt vielmehr darin, dass – vielleicht wegen weiterer Mutationen des Virus – die Infektionszahlen auch im Frühjahr nicht fallen und die Impfungen keinen nachhaltigen Schutz bieten, sodass die von uns und den meisten anderen unterstellte starke Erholung ausbleibt. In diesem Fall würde die deutsche Wirtschaft vermutlich erneut einbrechen.

Jahresausblick: 20 Trends für 2021

Nach dem ereignisreichen Jahr 2020 blicken Investoren gespannt auf 2021. Wird der Impfstoff gegen das Corona-Virus den gewünschten Erfolg bringen und sich die Rally an den internationalen Börsen fortsetzen? Starten Sie gut informiert ins neue Börsenjahr und erfahren Sie, welche 20 Trends die Märkte weltweit bewegen werden. Jetzt lesen!